Absence – Presence (Ausstellungstext)

Text zu der Arbeit »Absence – Presence« von Nele Kaczmarek anlässlich der der Ausstellung der Kestnergesellschaft an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH Kestnerschau 2012).

»Eine Person, an die man nicht mehr denken möchte, versucht man zu vergessen. Es soll Jemanden gegeben haben, der sich die Namen von Menschen von denen er enttäuscht wurde, auf einen Zettel aufschrieb. Diesen Zettel fand man nach seinem Tod in seiner Hosentasche.« Erik Arkadi Seth

An Schärfe verlierende Stadtlandschaften treffen auf schemenhafte Schattengestalten und verwischte architektonische Flächen rahmen dunkel getünchte, gesichtslose Porträts. In den im Kontext der mhh-kestnerschau »Zeiträume« ausgestellten Fotografien der Serie »Absence – Presence« (2012) konserviert der Künstler Erik Arkadi Seth (*1986 in Gifhorn) Momente, in denen Personen als abstrakte Farbverläufe in den Hintergrund treten. Die Trennung zwischen Mensch und Umwelt wird dabei sukzessiv von Bild zu Bild aufgehoben; an ihrer Stelle tritt ein flüchtiger Zwischenzustand in der Schwebe zwischen Innen- und Außenwahrnehmung, zwischen Vergangenem und Gegenwart.

Der Akt des Schwärzens abgebildeter Figuren zeugt von dem Versuch persönliche Erinnerungen nicht nur vergessen oder verdrängen zu wollen, sondern aktiv zu überschreiben. Mit der Spalte um Spalte vorgenommenen Neuordnung des digitalen Bildraumes hinsichtlich spezifischer Farbwerte greift Seth hierbei auf ein mathematisch-physikalisches Verfahren zurück, welches auch in Arbeiten der Serie »Sorted – Sortiert« (2011) Anwendung findet. Hier transformiert er Klassiker der florentinischen Frührenaissance in hochauflösende Scans, um sie anschließend auf Grundlage ihrer Farbpixel als kleinsten gemeinsamen Nenner auseinander zu dividieren und den Bildraum neu zu arrangieren.

In seinem Verlangen Erinnerungen und Gefühle als abstrakte Gedankenkonstrukte zu systematisieren, bewegen sich Seths Fotografien an der Schnittstelle von digitalen und emotionalen Welten. Die Weichzeichnung der Bildoberfläche präsentiert sich dabei als adäquate visuelle Entsprechung für die Unbeständigkeit der Erinnerung und entlässt den Betrachter in die Unsicherheit, wie sich diese zu tatsächlichen Eindrücken und Erlebnissen der Vergangenheit verhält.